Autisten, besonders AFAB und LGBTQ+ Autisten, sehen sich jederzeit und überall mit einem Problem konfrontiert: Die Projektion neurotypischer Erwartungen auf Grundlage neurotypischer Verhaltens- und Denkweisen. Dabei spielt das Doppelempathieproblem eine nicht unwesentliche Rolle. Normies generell projezieren auf jeden, der sich nicht konform verhält, ihre eigenen Gedanken- und Verhaltensmuster. Dabei verfangen sie sich in ihrer limitierten Top-Down + Kategorien/Label – Denkweise, ohne diese zu prüfen, denn Normies verlassen sich einfach auf die Bestätigung die sie durch ihre Existenz als ‚Teil der Herde‘ als belegt verstehen (meine Gruppe ist wie ich: weiß; also bist du falsch, denn du bist schwarz=böse), anstatt sich selbst kritisch gegenzuprüfen. Dies resultiert für jeden, der „gegen den Strom“ schwimmt darin, dass die Normie-Gruppe Anstoss daran nimmt und sich selbst beweisen wird, dass sie herrschen/bestimmen/die Kontrolle haben und damit richtig liegen. Die „Logik“ für Normies geht so:

Wir sind zahlenmäßig mehr also ist wasauchimmer wir gemeinsam haben (Ansichten, Meinungen, Ästhetik, Rituale, Kultur) „die Wahrheit“. Wir kopieren was die Gruppe tut um „richtig“ zu sein. Wer anders ist als wir, liegt demnach „falsch“, denn er gehört nicht zur Gruppe. Die Gruppe an sich ist der Beweis, der nicht mehr geprüft werden muss, denn Teil der Mehrheit zu sein, genügt.

Die Welt funktioniert so allerdings nicht. Es ist nicht wahr, was wir wollen das es wahr ist. Realität/Wahrheit ist nicht verhandelbar, ganz egal, was die Gruppe sagt. Wenn also die Gruppe nicht an der tatsächlichen Realität verankert ist, (durch jemanden/etwas das nicht korrupiert ist und jederzeit an der Realität kalibriert) dann lebt sie in einer Lüge und baut auf dieser Lüge auf. Unsere gesamte Zivilisation ist auf dieser Dynamik aufgebaut und wir bilden jede weitere Generation systematisch dazu aus, immer weiter auf ausgedachten nichtexistenten Ideen aufzubauen, die schlicht von den lautesten/unsichersten Idioten in der Gruppe vorgeplappert und im Übelsten noch mit Diplomen und Preisen ausgezeichnet wurden.

Autisten sind keine kindischen Naivlinge weil sie das „Social Game“ entweder gar nicht spielen oder maskieren und „niedliche Quirks“ (würg…), die Normies als „kindisches bis problematisches Verhalten“ projezieren, haben. Autisten erleben Realität deutlicher, intensiver und differenzierter als Normies. Autisten werden mit Realität quasi geprügelt wohingegen Normies sich die Welt machen, wie sie ihnen gefällt – oder wie es der Nachbar/die Gruppe tut. Und so kompensieren und regulieren Autisten so gut es geht die Diskrepanz zwischen der Realität und der Gruppe. Autisten werden deshalb automatisch (weil die Funktion der Gruppe nuneinmal so ist) verortet falsch zu liegen, falsch zu existieren, falsch zu Schlüssen zu gelangen, falsch zu denken, falsch zu kommunizieren. Die Frage ist für Autisten: Wer hat Recht? Die Frage für Normies ist jedoch: Wer bestimmt/kontrolliert/was sagt die Gruppe?

Wenn eine Person nicht der Norm der Gruppe entspricht, folgert die Gruppe, dass der Aussenseiter das Problem ist. Und sie wird nach Gründen suchen, diesen zu bestrafen. Je toxischer die Gruppe, je weniger an der tatsächlichen Realität orientiert sie ist, umso weiter wird sie dabei gehen, den Sündenbock zu verteufeln. Das Problem des Systems, nämlich die Tatsache, dass es nicht an der Realität orientiert ist sondern an dem Bedürfniss fragiler Individuen Kontrolle/Herrschaft auszuüben, wird beseitigt, indem derjenige, der die Wahrheit sagt, vernichtet wird. Problem gelöst, die Gruppe kann weitermachen.

Und solange die eigene Existenz, nämlich der eigene Lebensraum, nicht bedroht ist, mag es so aussehen, als wäre das eine legitime Art zu existieren. Doch unsere Welt aktuell ist bedroht. Unser Überleben als Spezies und Spezies’s hängt buchstäblich davon ab, ob wir weiterhin dämliche Normie-Spielchen spielen oder nun endlich erwachsen werden und uns den Tatsachen stellen anstatt den Aussenseiter zu beschuldigen oder sogar zu opfern, nur um sich aus der Verantwortung zu stehlen und sich selbst weiterhin vormachen zu können, die Kontrolle/Herrschaft über etwas zu haben, das unkontrollierbar by Design ist.

Autisten sind nicht behindert. Die (Menschen-)Welt ist behindert. Aussenseiter sind kein Problem nur weil sie als Aussenseiter nicht zur Gruppe gehören. Sie sind eine neue Perspektive, die zu neuen Erkenntnissen, mehr Daten, führt. Die Gruppe hat nicht recht. Sie hat nur mehr Gewalt. Doch Gewalt ist keine langfristige, keine nachhaltige Strategie. Und Druck funktioniert in beide Richtungen, Evolution entsteht durch anhaltenden Druck.

Das Problem, der Sündenbock, wird nicht weggehen, egal wie oft die Gruppe ihn opfert. Der Sündenbock ist kein Ventil, das der Gruppe zuverlässig ewiglich Erleichterung und Erneuerung bringt. Ein Sündenbock lässt sich nur so lange opfern, bis er stark genug ist, sich ggf. die gesamte Gruppe vorzunehmen. Ob er’s dann noch muss ist dann die Frage. Druck funktioniert eben in beide Richtungen.

Avatar von Asmus Wieck

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