Herrscher (Märchen #1)
Ein Geschlecht von Königen folgte dem anderen nach, bis mit der Zeit die Könige vergaßen, dass ihre Aufgabe, das Herrschen, darin besteht, für Gerechtigkeit und Sicherheit im Land zu sorgen, also dem Volke zu dienen. Es gab nichts mehr, um das sie sich kümmern mussten, da es eine Vielzahl von Bediensteten gab, die sich mittlerweile um alles kümmerten. Der Bediensteten-Apparat wuchs an, da die Könige nicht einmal mehr wussten, wer wofür zuständig war und warum man einen Bediensteten dafür brauchte. Doch da die Könige so „reich“ waren, war ihnen das nicht wichtig, denn sie trieben die Steuern von all den fleißigen Menschen ein, die davon ausgingen, dass sie vom König beschützt und versorgt würden, sollte etwas passieren.
Schließlich wurden die Könige immer dekadenter und die Bediensteten, mittlerweile zu einem enormen Beamten-Bestand angewachsen, die sich alle sehr wichtig machten, damit die Könige sie auch weiterhin bezahlten, trieben immer mehr Steuern ein, um auch weiterhin ihren Beamten-Status zu gewährleisten. In ihrem Interesse lag es zuallererst, dass der König nicht wirklich wusste, was im Land vor sich ging. Genaugenommen lag es sogar in ihrem Interesse, dass der König sich gar nicht erst interessierte für die einfachen Menschen, sondern sich ausschließlich mit einer von den Beamten abhängigen Elite abgibt, die ihre Zeit mit kurzweiligen Vergnügungen zubringt. Also sorgten sie für ausreichend Ablenkung und Bespaßung.
Als nun der Hofstaat an Beamten immer mehr anwuchs, weil die braven und fleißigen Leute so erfolgreich überlebten, dass viele Steuern eingetrieben werden konnten, empfanden sich die Könige als immer erfolgreicher und setzen sich immer größere Denkmäler und bauten immer größere Paläste. Obwohl sie nichts dazu beigetragen hatten, hielten sie sich für die wichtigsten Menschen in ihren jeweiligen Ländern. Das war mittlerweile, was sie nun seit Generationen seit ihrer Geburt erzählt bekommen haben. Und als es Hungersnöte und Krankheiten gab, überließen sie diese den Beamten, die auf schmierige Art sich gegenseitig Inkompetenz vorwarfen, während sie brave und fleißige Leute dafür verantwortlich machten, dass sie zu wenig Korn wachsen lassen würden und sich zu wenig die Hände waschen würden.
Da die braven und fleißigen Leute in den Ländern keine Wahl hatten, als zu überleben, schlugen sie sich durch und überstanden sowohl Hungersnot als auch Krankheit. Wieder einmal herrschte Wohlstand für eine Weile, doch diesmal sah man mehr und mehr Beamte mit teurem Schmuck behängt, wie ihn früher nur Könige trugen. Und bald wollten auch die braven und fleißigen Leute keine braven und fleißigen Leute mehr sein, denn mal ehrlich – das ist doch scheiße! Den ganzen Tag schuften und sich die Knochen brechen, zugucken, wie die eigenen Kinder verrecken und dann noch die selbstgefälligen Idioten von Beamten ertragen müssen, die einem das hart Erarbeitete wegnehmen und einen dabei wie Dreck behandeln. So kam es, dass mehr und mehr brave, fleißige Leute also entweder Beamte werden wollten oder besser: gleich König werden wollten. Sie warfen ihre Geräte und ihr Handwerk hin, starteten einen Aufstand und weil es genug von ihnen gab, bekamen sie von den ängstlichen Beamten tatsächlich etwas ab – nachdem alle Könige einen Kopf kürzer gemacht worden waren.
Dann tuschelten die Beamten mit zusammengesteckten Köpfen und setzten einen Vertrag so auf, dass sie den Reichtum der Könige ihres Landes derart verwalten würden, dass ihr Reichtum immer weiter ansteigen und sie wie Könige leben würden. Die braven und fleißigen Leute sollten eine Möglichkeit haben, ebenfalls Reichtum anzuhäufen und wie Könige leben zu können – wenn sie ihn selbst generieren könnten und, selbstredend, ihre Steuern bezahlt haben. Die Beamten wussten, dass es seltene, glückliche Ausnahmefälle sein würden, wenn dies einem der braven Leuten gelingen würde. Und zwar gerade nur so Wenigen, dass sie keine Bedrohung für die Beamten sein würden und andere brave Leute durch dieses Vorbild zu noch mehr Mühe und Arbeit antreiben würde. Und das würde zu noch mehr Steuern führen, welche die Beamten verwalten würden. Dazu sollten sich alle braven und fleißigen Leute an die Regeln halten, die die Beamten festlegen würden und einen der Beamten wählen dürfen, der ihr Heimatland vertritt. Von allen diesen Vertretern würden dann die Beamten eine Gruppe auswählen, die Entscheidungen treffen und Gesetze erlassen würden. Das war nun das neue und faire Konzept, nach dem alle Bewohner aller Länder wie Könige leben würden.
Die Felder wollte niemand mehr bestellen, niemand wollte mehr ein Handwerk praktizieren. Es gab so viele neue wichtige Posten, die nichts weiter taten, als Blätter von Papier von einer Seite auf die andere zu drehen und gewichtig: „Ah-huh!“ dabei zu sagen. Ganze Berufszweige haben sich auf „was wäre wenn“ verlegt. Was wäre wenn – diese Katastrophe einträfe. Was wäre wenn – diese Person 1 Million Golddublonen anstatt 1000 hätte. Was wäre wenn – man hier einen Turm hinsetzt oder auch nicht. Manche Berufszweige beschäftigten sich ausschließlich mit Spielereien, dem Spielgeld zB. Jeder nahm seine Profession selbstverständlich ausgesprochen wichtig und war eifrig bemüht, dass das auch von all den anderen wichtigen Berufsständen entsprechend wahrgenommen wurde.
Irgendwann konnte niemand mehr wirklich irgendetwas -abgesehen von Gedankenspielchen mit erfundenen Dingen und erfundenen Situationen. Alle gratulierten sich zu ihrem neuen Schmuck und ihrem geschmackvollen Kleid. Die absurdesten Frisuren und Bärte kamen in Mode und wurden gefeiert als Nachrichten von immenser Bedeutung. Und was man aussergewöhnliches aß bestimmte schließlich darüber, welchen gesellschaftlichen Status man innehatte. Seltene Tiere, Pflanzen oder Erze – ganz egal, man musste es einfach gegessen haben. Körperliche Arbeit war selbstverständlich verpöhnt. Rechtschaffenheit wurde per Dekret zur Dummheit erklärt. Dies gipfelte schließlich darin, dass Männer sich die Ohren und Frauen die Nasen entfernen ließen, da es „schön“ war. Und natürlich um deutlich aufzuzeigen, welchen Geschlechts man war, denn das Spiel, das von allen am erfolgreichsten war, nannte sich „Balztanz des Königspaares“. Nur ein ohrenloses Männchen und ein nasenloses Weibchen konnten diesen exotischen Tanz aufführen – denn so waren die Regeln – und das Paar, das dabei die ungewöhnlichsten, anzüglichsten Verrenkungen anstellen konnte, wurde auf der ganzen Welt als große anerkannte Berühmtheit gefeiert.
Und dann, ja dann,
mussten leider alle verhungern und erfrieren und ganz erbärmlich an allen Formen von Krankheiten sterben. Aber das war gar nicht schlimm denn sie litten sowieso alle nur noch: Sie waren personifizierte Angst, Nervosität, Anspannung. Ängstlich, nicht gut genug oder hübsch genug oder reich genug oder bewundert genug zu sein, als hinge ihr Leben davon ab. Und das sogar ganz ohne Klimawandel…
Ende.
Hüter (Märchen #2)
In einer Welt mit begrenzten Ressourcen, begrenzter Lebenszeit, begrenzter Energie – verstand eine neue Art Mensch, dass der Sinn ihrer Existenz darin liegt, ein sorgfältiges, bedachtes Leben zu führen und der Hüter einer fragilen Welt zu sein. Die Aufgabe bestand schon immer darin, mehr zu verstehen. Zum Zweck die eigene Bestimmung besser zu erfüllen.
